Vor vielen Jahren war Frau W. für kurze Zeit meine Klassen- und Musiklehrerin. Sie hat mir nicht nur Musik von Ozzy Osbourne nahegebracht und sogar einen E-Bass geschenkt – in einer sehr komplizierten Phase meines Lebens hat sie mir das Gefühl gegeben, ich sei richtig, wertvoll und genug. Die Welt wäre ein besserer Ort, gäbe es mehr Menschen wie sie.
Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, habe ich viele Momente vor Augen – die wenigsten davon haben mit Unterricht zu tun. Dem blieb ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit fern. Die Liste der Dinge, die mir im Jugendalter wichtiger waren als ein guter Schüler zu sein, ist lang. Am wichtigsten war mir vielleicht, dass bloß niemandem auffiel, wie schlecht es mir eigentlich ging.
Meine Aufmerksamkeit galt damals hauptsächlich der aufblühenden Internetkultur, meiner tapfer-stümperhaften Band und den Wochenenden, an die ich mich letztendlich selten erinnern konnte. Die Schule überforderte mich – für mich waren Kontinuität und Selbstständigkeit große Herausforderungen. Ich machte viel Blödsinn, provozierte gerne und gab mich als jemand aus, den alles völlig kalt ließ, auch wenn das kein bisschen der Realität entsprach. Ich war nicht nur kein guter Schüler – ich war auch ein mieser Klassensprecher und ein noch viel mieserer Schulsprecher. Wieso ich trotz vielversprechender Konkurrenz überhaupt in diese Ämter gewählt wurde, ist mir bis heute ein Rätsel. Vielleicht, weil ich vorlaut war, einigermaßen gut mit Worten umgehen konnte und ein gewisses Gespür dafür hatte, was Leute von mir hören wollten – ganz sicher aber nicht, weil ich bekannt dafür gewesen wäre, besonders pflichtbewusst oder zuverlässig zu sein. Selbst die Abschlussrede musste schließlich mein Stellvertreter halten – der im Laufe der Zeit ohnehin so gut wie alle Aufgaben übernehmen musste, die eigentlich mir galten.
Dieser zornige, traurige, verlorene Halbstarke, der ich war, kommt mir heute sehr fremd vor; als seien wir zwei unterschiedliche Menschen. Aber mir ist auch bewusst, dass uns die eine oder andere Sache noch immer verbindet – eine davon ist ein Gefühl tiefer Dankbarkeit gegenüber Frau W., die mich ein Stück meines Weges begleitete.
Trotz all der Probleme, die ich hatte und machte, gab Frau W. mir das Gefühl, mir auf Augenhöhe zu begegnen – zwar nicht immer gutzuheißen, was ich tat oder nicht tat, mich aber deshalb niemals als Menschen abzuwerten. Auch wenn ich es damals noch nicht benennen konnte, verstand ich, dass ich von ihr zu jeder Zeit ernstgenommen und akzeptiert wurde – so wie ich war: orientierungslos, Grenzen austestend, unfertig. »Ich finde nicht immer alles gut, was du machst, aber das ändert nichts an meiner Wertschätzung für dich als Menschen.« – ein prägender Grundsatz, der später auch die Basis meiner eigenen Arbeit mit jungen Menschen werden sollte.
Kinder und Jugendliche verfügen über ungleiche Ressourcen und Chancen, leben alle zum ersten Mal, machen Fehler, verirren sich und brauchen Menschen um sich herum, die ihnen zeigen, dass sie bedingungslos angenommen werden – damit sie Fehler machen können, aus denen sie lernen und durch sie sie sich selbst erfahren und erforschen dürfen. Ist das gegebenen, ist schon viel gewonnen – ein Fundament, auf dem sich Selbstvertrauen, Eigenständigkeit und Mut zur Selbstentfaltung entwickeln können. Sich als Erwachsener dessen bewusst zu sein, kann irgendwann für irgendwen den entscheidenden Unterschied machen. Für mich jedenfalls hat es das.
Danke, Frau W., für Ihren Einsatz – der selbst zwanzig Jahre später noch immer nachhallt.

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