Es kommt vor, dass Dinge einfach verschwinden – sie scheinen dann wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Vielleicht suchen wir noch eine Weile nach ihnen, vielleicht fällt uns aber auch erst nach einiger Zeit überhaupt auf, dass sie fehlen. Dann geraten sie in Vergessenheit und das Leben geht einfach ohne sie weiter. Irgendwann kommen sie uns dann aber plötzlich doch wieder in den Sinn und wir fragen uns, wo dies oder jenes wohl heute sein mag und ob es überhaupt noch existiert.
Und ganz selten kommt es sogar vor, dass die eine oder andere Sache am Ende doch noch ihren Weg zurück zu uns findet.
Ende der 90er-Jahre bin ich mit meinen Eltern in eine Wohnung gezogen, zu der ein großer, verwinkelter und zu Abenteuern einladender Garten gehörte. Für mich war dieser Garten eine Art Paradies, denn ich durfte darin weitestgehend machen, was ich wollte – und das war eine ganze Menge, denn bis dahin hatten wir in einer Wohnung ohne Garten gewohnt und die sich nun bietenden Möglichkeiten schienen endlos.
Auch meine Spielzeugfiguren fanden darin nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch ihre Abenteuer und Schicksale – der Gartenteich ein tosendes Meer, der Sandhaufen vor der Garage eine gnadenlose Wüste, der unbeschnittene Busch ein geheimnisvoller Wald. So erschuf ich für die unterschiedlichsten Spielzeuge eine riesige, gemeinsame Welt, in die ich mich stundenlang zurückziehen konnte.
Natürlich vergaß ich ständig, mein Spielzeug am Abend wieder mit ins Haus zu nehmen. So waren Son-Goku, Trunks und Vegeta, die Gogos, die Power Rangers, die Ninja Turtles, diverse Playmobil-Figuren und das Heer aus Fisher-Price Rittern sämtlichen Witterungsverhältnissen und Jahreszeiten ausgesetzt und wurden zum Teil vom Rasenmäher zerfetzt, im Teich versenkt, zertreten, vom Hund zerkaut und wer weiß, was noch. Dass der Gedanke daran meinem Mitte-Dreißig-Ich mal so wehtun würde, hätte ich damals auch nicht gedacht.
Wie es nun mal so ist – irgendwann wurde ich älter und meine Interessen änderten sich. Mit der Zeit verschwanden die Spielfiguren aus dem Garten und schließlich auch aus meinem Zimmer. Ein paar davon rettete meine Mutter glücklicherweise vor dem Flohmarkt oder der Tonne, viele habe ich jedoch nie wiedergesehen.
Neulich wurde der Komposter im Garten meines Elternhauses entfernt, die Steinmauern abgebaut und die Erde abgetragen.
Und dabei kam er zum Vorschein: ein einzelner, tapferer Fisher-Price Ritter, etwas lädiert, doch insgesamt wohlauf – der Letzte seiner Schar. Selbst seine Armgelenke funktionieren noch. Weit über zwanzig Jahre hat er in den Tiefen des Komposters verbracht und wer weiß, was er dort alles durchstehen und welchen scheußlichen Bestien er sich entgegenstellen musste.
Ich freue mich sehr darüber, einen so nostalgischen Schatz wieder in den Händen halten zu dürfen. Dieser tapfere, kleine Ritter hat deshalb einen Ehrenplatz in meiner Vitrine bekommen und darf nun seinen wohlverdienten Ruhestand genießen – an der Seite von Yoshi und Prinzessin Leia.
Dass eine Spielzeugfigur so lange im Garten vergraben sein kann, ohne dabei erwähnenswerten Schaden zu nehmen, finde ich schon ganz schön verrückt – dass sie beim Verladen einer solchen Menge Erde nicht einfach übersehen wird, sogar noch ein bisschen verrückter.

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