Artwork zur Kurzgeschichte: »Du hast da was im Gesicht«

Zwei Freunde tauschen sich bei Kaffee und Tee über das Leben, das Erwachsensein und die kleinen und großen Hürden des Alltags aus. Dabei sind sie allerdings nicht ganz unter sich – etwas ist mit ihnen im Raum und gibt sich große Mühe, nicht gesehen zu werden.

Eine kurze Geschichte, die von Freundschaft und dem erzählt, was wir nur sehen können, wenn wir wirklich hinschauen.

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Patrick hat zugenommen.

Er steht mit dem Rücken zu mir in seiner kleinen Küche und bereitet Heißgetränke für uns beide zu. Für ihn gibt es Kräutertee – er müsse auf seine Pumpe achten, habe seine Ärztin gesagt, er solle einen großen Bogen um Koffein machen. Für mich gibt es zum Glück trotzdem Kaffee, dessen Duft sich bereits im Raum verteilt, während er quälend langsam aus einer knatternden Kapselmaschine in eine Tasse tröpfelt, auf der sich der junge Luke Skywalker, bewaffnet mit einem Lichtschwert, mutig Darth Vader entgegenstellt. Vermutlich müsste ich mit Mitte Dreißig auch ein wenig auf meine Pumpe achten, aber solange mir mein Arzt das nicht rät, mache ich einen großen Bogen um Kräutertee.

Beim Eingießen des Teewassers ist Patrick der Teebeutelfaden in die Tasse gerutscht und er versucht, ihn mit einem Löffel aus dem dampfenden Gebräu zu fischen.

Ich bemerke, dass sein T-Shirt mittlerweile ein wenig zu klein für seinen Oberkörper geworden ist. Es spannt und rollt sich hinten etwas hoch. Patrick hat im letzten Jahr überraschend viel Gewicht zugelegt, aber er sagt, er kaufe sich keine neuen Klamotten, weil sich das ja gar nicht lohnen würde. Bald würde er ja sicherlich wieder abnehmen und dann passe er auch wieder in die Klamotten, die er hat – man müsse das Geld ja auch nicht zum Fenster rauswerfen. Und in der Stadt wäre es ja eh immer viel zu voll – all die vielen Leute – und er sei schon froh, wenn er den Wocheneinkauf geschafft habe. Wobei er in letzter Zeit oft verschiedene Lieferservices in Anspruch genommen habe, weil er es zeitlich gar nicht mehr schaffe, einkaufen zu fahren und weil Homeoffice im Prinzip viel mehr Zeit in Anspruch nehme als in einem Büro zu arbeiten, weil man ja sozusagen immer auf der Arbeit sei, wenn man von zu Hause aus arbeitet. Dann arbeite man viel länger als wenn man nach Feierabend einfach vom Büro nach Hause fahren und abschalten kann und letztendlich komme er deshalb einfach zu nichts.

Patrick überreicht mir die Tasse Kaffee und setzt sich schwerfällig auf den Stuhl am anderen Ende des kleinen Küchentisches, von dem ich bezweifle, dass sich zwei Teller gegenüberstehen können, ohne dass sie sich berühren. Den Kräutertee hat er auf der Anrichte stehen gelassen.

Er schaut mich an. »Erzähl mal, Basti«, sagt er. »Was gibt es Neues?«

Wir plaudern ein bisschen, ich erzähle von den kleinen und großen Herausforderungen des Alltags, von Majas Idee, unser Wohnzimmer komplett umzugestalten und dem Horrortrip zum Möbelhaus, von dem neuen Café direkt bei uns um die Ecke, das unglaublich guten Kaffee verkauft und von ein paar Events, die in den kommenden Monaten anstehen.

Patrick erzählt daraufhin von Kunden, die wirklich gar nichts von Computern verstehen, von neuen Videospielen, von denen ich mir selbst wünschte, ich fände Zeit, sie zu spielen, von seinem Bruder, der ihn gelegentlich besucht, mit dem er sich dann aber meistens nur streite, von der neuen Pizzeria bei ihm um die Ecke, von der er sich trotz des Fußwegs von nicht mal fünf Minuten meistens beliefern lasse, weil er ja schließlich, wie schon erwähnt, zu nichts komme.

Ich erzähle von meiner Mutter, die erst kürzlich ihre Fahrprüfung bestanden hat, weil sie sich ihr Leben lang nicht zugetraut hat, ein motorisiertes Fahrzeug zu fahren, aber jetzt, ohne meinen Vater, sondern mit Jochen an ihrer Seite, hat sie sich doch getraut, weil Jochen ihr Mut macht und ihr oft sagt, dass sie alles schaffen könne, was sie sich vornimmt und dass sie an sich glauben solle, weil Jochen auch an sie glaube.

Patrick kann es allerdings nicht glauben. Er nickt beeindruckt, blickt ins Leere und murmelt: »Dass sie sich das traut! Also ich könnte heute nicht mehr einfach in eine Fahrschule gehen und dann Prüfungen machen und alles.«

Dann erzähle ich von dem Konzert, auf dem ich vor ein paar Wochen war. Ich erzähle von einem völlig überfüllten Veranstaltungssaal, von einem wilden Publikum, von ein paar neuen Bekanntschaften und einigen witzigen Momenten. Während ich ihm das erzähle, schaut er mich beinahe ungläubig an. Manchmal nickt er, als wolle er zustimmen, doch ich habe den Eindruck, dass er bei all dem, was ich ihm erzähle, ganz und gar nicht zustimmt, dass ihn etwas nervös macht – immer wieder leckt er sich flüchtig über die Lippen, reibt seine Hände aneinander und blickt ins Leere. Ich frage mich, was er dort sieht.

Schließlich erzähle ich von Majas und meinen Urlaubsplänen, dass wir im Frühling mit einem Reisebus durch den Europatunnel nach England gebracht und dort eine Woche London besichtigen werden. Von dem tollen Hotel, das wir gefunden haben, das mitten im Herzen von London liegt und von Reisegruppen, denen wir uns für Tagesausflüge anschließen können. Patrick schaut mich an, als erzähle ich davon, gerne Katzenbaby-Lasagne zu essen. »Nach London«, wiederholt er monoton und blickt tief und lange ins Leere. »Das wär ja nichts für mich«, murmelt er.

Dann schaut er mich an und ich schaue ihn an und plötzlich fällt mir auf, dass Patrick etwas im Gesicht hat.

Etwas, das ich erst gar nicht bemerkt habe, dabei ist es so gut wie überall: Auf seiner glänzenden Stirn, auf seinen roten Wangen, in seinen Augen, den geweiteten Pupillen, auf seinen zusammengepressten, trockenen Lippen – und plötzlich sehe ich es auch an seinen Händen, seinen zu kleinen Klamotten, seinem Kräutertee, seinem Turm aus gestapelten Pizzakartons, seinem abgedunkelten Arbeitszimmer am Ende des Flurs und seiner doppelt abgeschlossenen Wohnungstür. Und ich frage mich, wie ich es nicht früher bemerken konnte, die letzten Male, als ich Patrick besucht habe oder als er kurzfristig abgesagt hat, wenn wir uns in einem Café oder Restaurant treffen wollten. Man kann es eigentlich gar nicht übersehen.

Aber mir wird bewusst, wieso ich es nicht bemerkt habe: Ich war zu beschäftigt. Damit, mit Maja Urlaube zu planen, mein Leben zu organisieren, auf Konzerten neue Leute kennenzulernen, erwachsen zu sein, Räume umzugestalten, Dinge hinzukriegen, Leute zu beglückwünschen, wenn sie Dinge hinkriegen, unglaublich guten Kaffee in neuen Cafés zu trinken und dabei möglichst gar nicht auf meine Pumpe zu achten. Ich bin erschrocken darüber, dass mir völlig entgangen ist, wie sich etwas bei Patrick eingenistet hat.

Zuerst ganz heimlich und zurückhaltend. Dann wurde es aufdringlicher, größer, einnehmender. Jetzt ist es überall. Es ist auf Patricks Smartphone und in der Nachrichten-App, die er nicht mehr öffnet. Es ist in jedem Raum dieser Wohnung, aber vor allem ist es draußen, vor dem Fenster, auf den Straßen, in der Stadt mit den vielen Leuten, auf dem Weg zur Pizzeria und in den Geschichten, die ich erzähle.

Ich muss eine Weile ins Leere geblickt haben. Patrick schaut mich fragend an. »Was ist? Stimmt was nicht?«

Ich meine zu lächeln und trinke einen Schluck Kaffee, der plötzlich viel zu viel Koffein enthält.

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