Ich habe immer schon zu viel von mir erwartet – so viel, dass meistens früher oder später gar nichts mehr ging. Mir passiert das noch immer ziemlich oft, doch ich arbeite an mir und möchte begreifen, was da eigentlich in meinem Kopf passiert.
In meiner Notiz-App wimmelt es von Ideen für diverse Projekt-Konzepte, Musikalben, Romane/Kurzgeschichten, Essays, Gesellschaftsspiele, Videos und allerlei anderen Kram. Die meisten dieser Ideen sind Entwürfe und es fehlen sehr viele Bausteine, wollte man irgendetwas davon Wirklichkeit werden lassen. Es kommt oft vor, dass mir eine solcher Ideen kommt und ich dann in eine Art Tunnelblick gerate, in dem ich völlig berauscht davon bin. Irgendwann wird die Idee mir dann zu groß, zu kompliziert. Es gibt zu viele Probleme, offene Fragen, Widersprüche und Zweifel. Ist der Rausch vorbei, landet die Idee in der Regel in einem Ordner, der »Zurückgestellt« heißt – und eigentlich eine Art Friedhof ist.
»Denk doch mal klein und mach nur das, was gerade möglich ist«, sagte mein guter Freund Daniel mal zu mir, als ich ihm davon erzählte, wie sehr mich meine Zweifel, ob ich dieses und jenes Projekt überhaupt umsetzen könne, zermürben. »Selbst wenn dann nur ganz wenig dabei rumkommt, ist das immer noch mehr, als hättest du gar nichts gemacht.« Damit hatte er absolut recht und das war ein wirklich guter Ratschlag. Geholfen hat er aber nicht – weil ich mein eigentliches Problem überhaupt nicht erkannte und es somit auch anderen gegenüber gar nicht kommunizieren konnte.
Mir fehlten in den meisten Fällen weder Zeit noch Ideen für Details, auch wenn ich es gerne so darstellte. Mein Problem war, dass ich viele Fragen, die sich bei einer Projektentwicklung (welcher Art auch immer) nun mal stellen, nicht beantworten konnte. Versuchte ich es doch, ploppten an anderer Stelle zwei neue solcher Fragen auf. Nichts schien zu passen, überall tauchten kleine Abers und Wenns auf – die Rechnung wollte einfach nicht aufgehen. Ich verstand das nicht, ich verstand mich nicht, ich wollte doch nur etwas absolut Perfektes erschaffen, etwas, das in meinem Kopf wundervoll war und nun erschlugen mich hunderte Fragen, deren Antworten sich gegenseitig widersprachen. Überforderung, Enttäuschung und Wut überwältigten mich. Und statt einfach anzufangen, ließ ich zu, dass Zweifel und Ängste mich mehr und mehr zerfraßen.
Wie viele Menschen verbringe ich zu viel Zeit auf Social Media. Manchmal scrolle und scrolle ich, in der Hoffnung, dass mich irgendetwas beflügelt, inspiriert oder motiviert. Doch in den meisten Fällen lege ich mein Smartphone irgendwann völlig erschöpft aus der Hand und wünschte mir, ich hätte die Zeit sinnvoller genutzt. Das ist aber nicht immer so – vor einiger Zeit tauchte auf meinem Bildschirm ein junger Mann namens Sebastian Scales auf, der (frei übersetzt) in die Kamera sagte: »Ich habe nicht mehr die Kraft dazu, irgendwas anderes zu sein, als das, was ich bin. Scheiß drauf.« Dann lächelte er und das Video war vorbei. Ein paar Sekunden, beinahe beiläufig, doch es traf mich mit voller Wucht. In diesem Moment begriff ich so richtig, wie sehr ich schon immer versuchte, jemand zu sein, der ich gar nicht war – und vermutlich auch niemals sein würde. Und wie müde ich davon war. Ich erinnerte mich auch daran, dass jemand sowas in der Art schon mal zu mir gesagt hatte und dabei fiel mir auf, dass das damals gar nicht richtig bei mir angekommen war. Es gibt wohl doch richtige und falsche Zeitpunkte.
Ein Teil von mir glaubt, ich – und was ich mache – müsse anderen Menschen gefallen. Er glaubt, nur dann wertvoll zu sein, wenn andere über mich sagen, dass ich etwas gut gemacht habe. Dieser Teil von mir will alles richtig machen, weil er Anerkennung im Außen sucht, die innen nicht vorhanden ist. Er lässt mich so oft zweifeln, hält mich zurück und will mich ja nichts machen oder sein lassen, was andere vielleicht nicht mögen oder gar verurteilen könnten. Dieser Teil ist der Ansicht, ich habe nur Liebe verdient, wenn andere gut über mich denken. Und er will auch auf keinen Fall, dass man das über mich weiß – wie schon Kummer in einem seiner Songs so treffend sagt: »Ich wollte immer unbedingt, dass alle denken, es wäre mir egal, was alle denken.« Dass wir alle nicht auf dieser Welt sind, um anderen zu gefallen, weiß dieser Teil nicht. Ein anderer Teil von mir weiß das aber zum Glück sehr wohl. Die beiden streiten oft und haben immer gestritten und mal war der eine stärker, aber sehr viel öfter der andere.
Ich habe mich dazu entschieden, diesem Teil von mir fortan (wenn ich kann) mit Akzeptanz zu begegnen. Statt ihn zu verurteilen, möchte ich herausfinden, wie er entstanden ist und was ich machen kann, um ihm die Sicherheit zu geben, die er braucht, damit er und ich Frieden finden können. Ich möchte Sachen machen, die mir selbst gefallen, die ich mir ganz persönlich in der Landschaft der Popkultur wünsche und mit denen ich mich selbst wirklich identifizieren kann. Ich weiß, dass das ein Prozess ist, ein langer Weg, der mal holprig und mal weniger holprig sein wird, doch ich mag den Gedanken, dass dieser sabotierende, ängstliche Teil und ich vielleicht irgendwann Freunde werden und er dann gar nicht mehr so sabotierend und ängstlich sein muss. Ich habe angefangen, zu hinterfragen, wieso ich Dinge tue und ob ich sie wirklich für mich tue.
Ich beginne, unperfekte Dinge zu mögen – mich selbst eingeschlossen.

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