Artwork zur Kurzgeschichte: »Ich sehe was, was du nicht siehst«

Mehmets Pizzeria wird bald schließen, die Stühle sind bereits hochgestellt. Der Himmel leuchtet in warmen Rottönen, während die Hitze des Tages langsam nachlässt. Draußen wartet ein letzter Kunde ungeduldig auf seine Bestellung – der heute zum ersten Mal allein da ist.

Eine kurze Geschichte, die von Verbundenheit und der Intensität jener Tage erzählt, die mehr hinterlassen als bloße Erinnerungen.

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Zehn Minuten noch. Wieso bin ich Idiot nicht früher losgefahren?

Ich ziehe an meiner Zigarette, forme mit dem Mund ein O und atme den Rauch in kleinen Stößen aus. Unförmige Wölkchen kollidieren und verschwinden in der Luft. Mir wollen einfach keine Ringe gelingen, obwohl Julian mir bestimmt schon hundert Mal erklärt hat, wie es geht. Julian macht die schönsten Ringe, nur ganz leicht wabernd, dicht und rund. Manchmal drei oder vier, die er langsam aus seinem Mund schweben lässt – dabei sieht er ein bisschen aus wie ein Fisch.

Auch mein letzter Versuch scheitert. Ich drücke die Zigarette in einem Glasaschenbecher aus, der neben mir auf einem Klapptisch aus Aluminium steht und lasse meinen Blick über die kleine Innenstadt schweifen, die in ein leuchtendes Rot-Orange getaucht ist. Jetzt, da die Temperatur allmählich fällt, ziehen die Leute ihre Jalousien hoch, öffnen die Fenster, um ihre Wohnungen zu lüften, gießen ihre Balkonpflanzen und gehen mit ihren Hunden spazieren. Das Ende eines heißen Tages im Juli.

Ich schaue auf meine Armbanduhr – acht Minuten noch. Scheiße, das wird ganz schön knapp.

Durch das Fenster der Pizzeria, an dessen Wand ich lehne, sehe ich Mehmet, der mit verschränkten Armen hinter dem Tresen steht und gebannt auf einen kleinen Fernseher starrt, auf dem ein Fußballspiel zweier Vereine zu sehen ist, die ich nicht kenne. Ich bin Mehmets letzter Kunde für heute und außer mir ist niemand mehr da, deshalb flucht er besonders laut, wenn einer der Fußballspieler etwas nicht macht, was er machen soll oder macht, was er nicht machen soll.

Julian und ich waren in diesen Sommerferien oft bei Mehmet, deshalb fragt er bloß noch »Wie immer?«, wenn er uns sieht und wir antworten dann »Wie immer« und Mehmet macht daraufhin eine Pizza für uns, die halb mit Brokkoli und halb mit Ananas belegt ist. Julian und ich haben aufgehört, darüber zu diskutieren, ob Pizza mit Ananas klargeht oder nicht, denn am Ende ist es Pizza mit Ananas und nicht Pizza mit Katzenbabys und es gibt Schlimmeres, zum Beispiel Leute, die The Killers hören. Heute bin ich alleine bei Mehmet. »Wie immer?«, hat er trotzdem gefragt. »Wie immer«, habe ich trotzdem gesagt.

Im Fernseher ist Jubel zu hören, doch Mehmets Blick verrät, dass der Ball im falschen Tor gelandet ist. Er schüttelt den Kopf, beschimpft einen der Vereine und bemerkt dann, dass ich ihn durch die Scheibe ansehe. »Geduld, junger Padawan«, ruft er mir zu. »Ist gleich fertig.«

Wenn Julian und ich auf unsere Pizza warten, sitzen wir meistens an einem der Klapptische aus Aluminium und teilen uns eine Dose Cola und auch eine Zigarette. Oftmals gibt es nach einem langen Ferientag nicht mehr viel zu sagen, aber das macht nichts, wir verstehen uns auch gut, wenn wir nichts sagen. Manchmal formt Julian dann seine nahezu perfekten Ringe aus Zigarettenrauch und ich forme dann zerfranste Rauchklumpen und Julian sagt dann »Das wird schon noch«. Wenn in der Pizzeria nicht viel los ist, setzt Mehmet sich manchmal für einen Moment zu uns, dann zeigt er, dass auch er Ringe aus Zigarettenrauch formen kann und dann plaudern wir ein bisschen über den neusten Klatsch und Tratsch und hin und wieder fragt er, was wir den Tag über so gemacht haben und darauf antworten wir dann: »Nichts Besonderes.«

Wenn wir nichts Besonderes machen, fahren wir meistens zum Baggersee, wo wir uns einen Baum aussuchen, in dessen Schatten wir eine Decke ausbreiten, Pommes essen, Nirvana hören und Karten oder Ich sehe was, was du nicht siehst spielen. Es kommt vor, dass wir das über eine Stunde lang spielen, denn an einem Baggersee kann man, besonders im Hochsommer, verdammt viel sehen, was der andere nicht sieht. Manchmal lese ich ein Taschenbuch, öfter was von Hesse, selten auch was von Mann, obwohl ich eigentlich am liebsten Science-Fiction lese. Julian döst währenddessen oder spielt Game Boy und hin und wieder flucht er, wenn er verloren hat, nicht so laut wie Mehmet über das Fußballspiel, aber auch nicht so leise, dass niemand es mitbekäme und dann ziehe ich ihn ein bisschen damit auf, aber er trägt es mit Fassung, weil er im Grunde ein guter Verlierer ist. Manchmal schließen wir Wetten ab, zum Beispiel, ob wir an diesem Tag noch eine bestimmte Person sehen werden oder einer von uns mit irgendwas, was er gerade in der Hand hält, irgendwas anderes trifft, was ein bisschen weiter weg ist und wenn einer von uns eine Wette ausspricht, muss der andere dagegenhalten, ob er will oder nicht. Bei besonders spannenden Wetten kann es sogar mal um einen Flutschfinger gehen – Julian schuldet mir noch zwei oder drei, aber so ganz genau nehme ich das nicht. Ein paar Mal haben wir uns auch das Schlauchboot von Onkel Frank ausgeliehen und sind damit weit raus gepaddelt. Mitten auf dem See klingt alles, was weit weg ist, ganz seltsam, ganz dünn und schrill. Nur was nahe ist, klingt dicht und voll und wichtig. Dann sind wir der Sonne vollends ausgesetzt und nur die Wolken können noch einen Schatten auf uns werfen.

Sieben Minuten noch.

Ein paar Leute aus meiner Klasse fahren auf Fahrrädern vorbei. Nasse Haare, Badehosen und Bikinis, Gelächter und The Killers. Ich werfe einen Blick auf mein Handy – Julian wird vermutlich nicht nochmal schreiben, denn er hat kaum noch Guthaben, aber ich gehe lieber auf Nummer sicher, weil im Leben ohnehin viel schiefgehen kann, aber noch mehr, wenn man nicht aufpasst.

Torjubel – Mehmet brüllt den Fernseher an.

Julian wird auch in den nächsten Tagen nicht mit zu Mehmet oder zum Baggersee kommen. Gestern ist er zu laut gewesen, zu sehr er. Da, wo er wohnt, geht das nicht. Nun darf er eine Woche lang das Haus nicht verlassen – mitten in den Sommerferien, bei über dreißig Grad. Man hofft wohl, dadurch würde er wieder ein bisschen weniger er.

Ich werde hier mit Bohneneintopf vergiftet, hat in seiner letzten SMS gestanden. Hilfe naht!, stand in meiner Antwort und: 21:30 hinter der Gartenhütte, sei pünktlich! Ein paar Mal am Tag darf Julian im Garten eine Zigarette rauchen. Das ist unsere Chance. Niemand muss Bohneneintopf essen, vor allem nicht in den Sommerferien, deshalb darf ich auf keinen Fall zu spät kommen. Für Julian gab es heute weder Pommes noch Flutschfinger und irgendwas Vernünftiges muss man ja im Magen haben, sonst schläft man schlecht und nach einem miesen Tag ist eine gute Nacht besonders wichtig.

Fünf Minuten noch. Ich werde kräftig in die Pedale treten müssen.

Mehmet hat den Fernseher leiser gestellt und gibt den Fußballspielern verschiedene Tiernamen, während er die Pizza mit geübtem Griff aus dem Ofen holt. »Lasst es euch schmecken«, sagt er, als er mir schließlich den weißen Pappkarton überreicht, auf dem in roter Farbe eine Pizza und das Wort Pizza! abgebildet sind. Das werden wir – für eine Zigarettenlänge, im Schatten der Gartenhütte.

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